Wege nach dem Abitur

Dorian Barbera

Vielleicht fange ich mal ganz von vorn an: In meiner Familie hat keiner studiert. Meine Mutter ist gelernte Kinderpflegerin, mein Vater arbeitet als Medizintechniker. Wir waren kein bildungsferner Haushalt, aber eben auch keine Akademiker. Niemand erwartete von mir, dass ich überhaupt auf‘s Gymnasium gehe. Als ich mit vielen zugedrückten Augen eine Gymnasialempfehlung bekam, durfte (und sollte) ich mit zehn selbst entscheiden, wohin ich will. Ich weiß noch, dass ich viel geweint habe. Hauptschule, Realschule oder viel Stress mit G8? Eine Entscheidung treffen zu müssen, das tat fast schon weh.

Acht Jahre später sollte ich es wieder ganz allein wissen. Dummerweise gab es jetzt mehr als nur drei Auswahlmöglichkeiten. Ich befürchtete, mich nicht für den perfekte Weg zu entscheiden, da kannte ich das Wort fomo („fear of missing out“) noch gar nicht. Also entschied ich mich erstmal: Gar nicht. Stattdessen verbrachte ich die Zeit vor und nach meinem Abi einfach mit irgendwas, was mir Spaß machte. Ich machte sehr viel Musik damals, fuhr in einem Auto durch Australien und drehte mit Schulfreunden und einer Digitalkamera einen total schlechten Kurzfilm über Drogenabhängige. Wir spielten richtig schlecht Drogenabhängige, aber das wussten wir natürlich nicht und dass wir das nicht wussten, war sicherlich auch besser so.

Plötzlich war ich einundzwanzig. In dem Alter haben manche schon ihren Bachelor in der Tasche. Ich hatte: Ein abgebrochenes Studium an der Uni Würzburg, das ich vor allem angefangen hatte, weil ich mich verliebt hatte. Sie studierte auch in Würzburg und ich hatte gedacht: Dorian, es wird Zeit, dich zu entscheiden und Uni klingt doch irgendwie richtig. So richtig bereit war ich aber scheinbar noch nicht. Außerdem lernte ich, dass Uni nichts für mich war, zumindest damals nicht. Medienwissenschaften waren mir zu trocken und ich ärgerte mich über mich selbst. Denn plötzlich glaubte ich, das hätte ich doch vorher schon wissen können. Hätte ich?

Heute bereue ich mein „Extrajahr“ nicht mehr. Denn meine Wartezeit bis zum Start in ein neues Studium füllte ich wieder mit Dingen, die mir schon immer Spaß gemacht hatten. Und plötzlich wurden aus diesen Dingen echt ernstzunehmende Projekte. Ich nenne mal zwei.

Nummer eins: Weil ich gerne reise, begann ich als Reiseleiter zu arbeiten. Die geführten Radtouren des Veranstalters Terranova Touristik brachten mich ins Baltikum, nach Sardinien und Cornwall, um nur einige zu nennen. Den Job mache ich übrigens heute noch ab und zu und kann ihn allen empfehlen, die Lust auf einen Crashkurs an Lebenserfahrung haben.

Nummer zwei: Privat brachte mich ein Interrail-Ticket in viele europäische Städte. Meist besuchte ich dort eine Free Walking Tour, also eine Stadtführung auf Trinkgeldbasis, hauptsächlich für junge Leute. Mir gefiel das Konzept so gut, dass ich mich kurzerhand mit einem selbstgebastelten „Free Walking Tour“-Schild in Nürnberg auf den Hauptmarkt stellte. Scheinbar hatte ich eine Marktlücke entdeckt, denn die Leute kamen in Scharen zu den Touren. Heute ist daraus ein kleines Unternehmen geworden, das mehrere Tourguides in zwei Städten beschäftigt.

Um dann trotzdem was „Anständiges“ zu lernen, studierte ich an der Hochschule Ansbach Multimedia und Kommunikation und weil mir Filme und Musik machen schon immer Spaß gemacht hatte, spezialisierte ich mich dabei auf Film- und Audioproduktion. Als Abschlussarbeit drehte ich 2020 einen Dokumentarfilm in Neuseeland, der sogar auf dem renommierten Max Ophüls Filmfestival gezeigt wurde. So viel Angeberei gönne ich mir an dieser Stelle einfach mal.

So richtig verstehe ich allerdings nicht, wie ich eigentlich in meinem heutigen Leben gelandet bin. Ich bin jetzt 27, wohne in Hamburg und arbeite für SPIEGEL-TV. Es wirkt vielleicht, als sei ich einer genialen Vision gefolgt, denn im Grunde mache ich im Moment genau das, was mir auch zu Abi-Zeiten schon Spaß gemacht hatte, nur für Geld. Ich reise durch ganz Deutschland und begleite mit meiner Kamera Obdachlose und echte (!) Drogenabhängige, schneide daraus einen Film, packe Musik und Text dazu und dann läuft das Ganze im TV. Einen wirklichen Plan, dort hinzukommen hatte ich aber nie und wie es von hier aus weiter geht, weiß ich eigentlich auch nicht.

Was mir geholfen hat? Nicht so viel darüber nachzudenken, was ich bieten muss, um irgendwelche Eltern, Lehrer oder Chefs zufrieden zu stellen. Ich bin froh über ein paar mittelschwere Fehler, für die ich mich aber selbst entschieden habe, denn meistens bin ich danach wieder aufgestanden und habe mich daran erinnert, was meine Augen schon immer zum Leuchten gebracht hat. Dann hab‘ ich eben das gemacht. Und bin immer noch dabei.